Mysore

In Mysore ist einer der schönsten Momente das Fahren durch den Morgen. Es ist noch relativ kühl, wenn die Sonne aufgeht, es weht ein wenig Wind. Dann geht die Müdigkeit doch Schritt für Schritt wieder – obwohl ich zuvor noch dachte, ich würde nicht in der Shala ankommen, als der Wecker um 5.25 Uhr klingelte. Und ja, für Mysore ist das eigentlich keine frühe Uhrzeit. Wer bei Sharath übt, der muss sich grundsätzlich auf frühere Uhrzeiten einstellen, 4.30 Uhr schließlich öffnet die Shala.

Nun also hat man es doch geschafft, habe ich es geschafft und bevor es auf die Matte geht, heißt das Programm vor der Shala wie immer zuerst: warten. Besonders vor der Led-Klasse bilden sich schon früh die Menschen-Yoga-Trauben, die Yoga-Menschen-Trauben, sie hocken sich eng nebeneinander auf die Treppe zum Eingang, denn wenn man nicht aufpasst, eine Lücke lässt, dann setzt sich noch jemand in diese Lücke, der später kommt.

Und dann, wenn die anderen, die in der Shala schon üben, beim Abschlussmantra sind, springen wir alle, vorne auf der Treppe, auf und packen unsere Matten aus den Taschen, schieben uns nach vorne in der Masse, tun so, als seien wir entspannt, lächeln ein wenig – nun gut, nicht alle – und doch entsteht ein Drängeln, das unangenehm ist. Denn natürlich wurde schon viel geschrieben über das Drängeln, das Schubsen, das Warten, das so-unglaublich-früh-vor-der-Led-kommen. Und doch ist die Situation immer gleich.

Natürlich kommen die, die drinnen geübt haben, erst raus aus der Shala, wenn wir alle drin sind, uns als Traube hineingedrängt haben in den Raum, der von Feuchtigkeit und Stickigkeit durchzogen ist, von den feuchten Teppichen unter uns, von dicker Luft in Nasenhöhe. Nichts mehr da von dieser wunderschönen Morgenluft… Aber das merkt man, merke ich, jetzt nicht, nur im Rückblick. Drinnen ist man, bin ich nur froh, einen Platz gefunden zu haben. Denn sobald die Menschen aus der Traube die Shala betreten, löst sich die Traube auf, jetzt ist jede/r auf sich alleine gestellt, schnell einen Platz finden, die Matte ausrollen, schnell schnell.

Ja, man gewöhnt sich an das alles, ich mag es sogar. Gut, nicht der Moment, in dem alle aufstehen, die gerade noch auf der Treppe gesessen haben. Aber – wäre ich noch einen Monat länger dort geblieben, ich hätte selbst das vielleicht gemocht.

Mysore ist solch ein Luxus, weil man sich vollkommen auf die Praxis, mehr noch: auf sich konzentrieren kann. Nicht dieses Tagesprogramm, nicht noch hier und das und dieses. Du hast nur einen festen Termin am Tag, wenn du mit Sharath lernst. Nur deine Praxis, deine Serie, wie weit auch immer du übst. Das wars. Alles andere, was du dir für den Rest des Tages vornimmst, bleibt dir überlassen. Du kannst dir den Tag zuplanen, kannst einen Sanskrit-Kurs bei Laksmis machen, einen Bhagavad Gita Kurs bei Arvind, einen Kochkurs bei Anus, einen Tanz-, Massage-, Gitarren-Kurs, was immer du magst. Aber eigentlich bist du hier wegen der Praxis, diesen Minuten auf der Matte, die gar nicht so viele sind.

Das ist ein Luxus, sich so darauf konzentrieren zu können. Sich so auf sich selbst konzentrieren zu können, fördert den eigenen Blick, fördert die eigene Ruhe. Das hatte ich mir gar nicht so vorgestellt, dass man so sehr mit sich selbst beschäftigt ist in Mysore. All die Workshops, die ich sonst mitmache, die Intensives, mit ihren vollen Programmen, der ganze Tag ist vollgepackt. All sie haben mir vieles gezeigt, beigebracht, mich begeistert und inspiriert, aber sie alle haben den Weg nicht so freigemacht zu mir selbst wie die eineinhalb Stunden Praxis in der Mysore-Shala.

Nach der Led bin ich ausgepowert, leer, vollkommen nassgeschwitzt, das Abschlussmantra konnte ich nur leise mitchanten – mein Puls raste. In der Umkleide zittern meine Arme und Beine, das Umziehen fällt schwer, draußen – das habe ich schon in den 5 Sekunden Stille in Savasana/Sukhasana hören können – steht der Kokosnuss-Mann und er hat sich schon vorbereitet auf den Ansturm aus der Led-Class, hat die Kokosnüsse schon präpariert, so dass er nur noch einen Schlag mit seinem scharfen kurzen Säbel in die grüne Nuss schlagen muss, damit man das Wasser aus ihr trinken kann.

Der Gedanke an den Kokosnuss-Mann ist so stark, dass er mich den Weg aus der Shala zu ihm finden lässt. Draußen ist es angenehm kühl, nicht mehr so kühl wie vor der Led auf den Stufen wartend, aber kühl genug, um eine Erfrischung zu sein. Schön ist es hier, vor der Shala nach der Praxis, Kokosnüsse in Sichtweite. Der ganze Tag liegt vor mir, keine Pläne, nichts muss, der nächste Termin ist erst wieder am nächsten Morgen, sonst ist nichts wichtig.

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